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Sexfoto-Skandal in China
Bunte Bildchen von Edison Chen
VON HARALD MAASS


Edison Chen (Shanghaiist.com)


Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihren Computer zur Reparatur, und balddarauf erscheinen Ihre privaten erotischen Fotos im Internet. Peinlich,nicht wahr! Nun stellen Sie sich vor, Sie sind ein bekannter Filmstar.Und auf Ihrem Computer sind 1300 Sexfotos gespeichert, darunterkompromittierende Bilder von einem halben Dutzend weiblicher TV- undMusikstars. Nun wissen Sie, wie sich der Hongkonger Schauspielstar undHip-Hop-Künstler Edison Chen derzeit fühlt.
SeitEnde Januar die Sexfotos des 27-Jährigen und seiner prominentenGespielinnen im Internet auftauchten, herrscht in der HongkongerKlatschpresse und in chinesischen Internetformen Ausnahmezustand.Manche Boulevardblätter, die täglich mit neuen Details undBildausschnitten aufmachen, haben ihre Auflage um ein Drittelgesteigert.


Internetserver brachen zusammen, weil MillionenNeugieriger sich die Bilder ansehen wollten. Ein Eintrag unter demTitel "Ist es wahr oder nicht?" in dem chinesischen Onlineforum Tianyawurde 24 Millionen Mal aufgerufen, 155.000 Internetnutzer schriebenKommentare.
Das Interesse ist nicht verwunderlich. Hongkong istdas Hollywood Chinas, und dementsprechend berühmt sind die in dieAffäre verwickelten Stars. Edison Chen hat als Schauspieler undWerbegesicht von Pepsi Millionen Fans.
Einer der weiblichenStars auf seinen Bildern ist Gillian Chung, die als Teil des PopduosTwin das Image eines Unschuldmädchens pflegt und Werbung für HongkongsDisneyland macht. Weitere Stars sind die Schauspielerinnen CeciliaCheung und die Sängerin Bobo Chen, die beide mittlerweile mit anderenMännern liiert sind.
Begonnen hatte alles damit, dass EdisonChen seinen Computer, einen pinkfarbenen Laptop, bei einem örtlichenComputershop zum Reparieren gab. Ein 23 Jahre alter Angestellterentdeckte zufällig die Bilder auf der Festplatte, kopierte sie aufseinen Privatcomputer und führte sie ein paar Tage später bei einemAbendessen Freunden vor, die sie dann ins Internet stellten.
Seitdemschlägt der Sexskandal so große Wellen, dass auch die HongkongerPolizei aktiv wurde. Offiziell ist Pornografie in Hongkong verboten,auch wenn die Gesetze nur selten durchgesetzt werden. Die Polizei nahmbislang acht Personen fest, die an der Verbreitung der Bilder beteiligtgewesen sein sollen.
Medien spekulieren über eine Verwicklungder Triaden in den Skandal. Chinas Filmindustrie ist für ihreVerbindungen zur Mafia bekannt - und die betroffenen Stars sind allebei derselben Filmfirma unter Vertrag.
Mit großem Interesseverfolgen auch die Chinesen auf dem Festland die Sache. Unter den 210Millionen Internetnutzern der Volksrepublik ist der Skandal der "buntenBilder", wie Pornografie in China genannt wird, seit Wochen das ThemaNummer eins. Während selbst staatliche Webseiten den Zwischenfall mitimmer neuen Informationen und Bildern ausschlachten, fürchten besorgteEltern um die Moral ihrer Kinder.
In der nördlichen ProvinzJilin starteten Behörden eine Anti-Porno-Kampagne. Die Polizei mahnteper Rundbrief Internetnutzer der Region: "Das Berühren, Anschauen,Duplizieren, Speichern, Herunterladen und oder Verbreiten der derzeitpopulären obszönen/pornografischen Fotografien der Hongkonger Künstlerist illegal!"
Hinter diesen unterschiedlichen Reaktionen - hierMassendownloads der Jugend, dort Verbote der Behörden - steht einWandel der Moralvorstellungen. Bis vor einem Jahrzehnt galt Sex alsTabuthema in China. An den Universitäten wachten Ordner darüber, dassjunge Paare sich nicht öffentlich küssten. Heute stehen auf den CampusKondomautomaten und berichten junge Chinesen stolz im Internet überSex-Erfahrungen.
Für Edison Chen und manche seiner früherenLiebhaberinnen dürfte der Skandal das Ende der Karriere im Showgeschäftbedeuten. Nach einem Auftritt von Gillian Chung vor einigen Tagen mitihrem Twin-Duo im Fernsehen beschwerten sich mehr als 2300 HongkongerBürger.
Edison Chen selbst ist, vermutlich aus Furcht vorRacheaktionen der Familien seiner Freundinnen und vor möglichenjuristischen Folgen, seit Beginn des Skandals in Kanada untergetaucht.In einer Videobotschaft entschuldigte er sich bei seinen Fans und batdiese, die Bilder nicht mehr weiter zu verbreiten: "Ich rufe alle auf,die Opfer dieses Falles zu unterstützen. (…) Ich bitte Euch dringend,diese Bilder sofort zu löschen." Im Internetzeitalter mag ein solcherAufruf vergebene Mühe sein.